92. DEUTSCHER BIBLIOTHEKARTAG

Die Bibliothek zwischen Autor und Leser
http://hpbib4.bibliothek.uni-augsburg.de/bt2002/

Bericht von Werner Schöggl

Zweck des Besuches war die Teilnahme an der Veranstaltung Schulbibliotheken wohin? Neue Herausforderungen und Modelle, um die aktuelle Situation der Schulbibliotheken in Deutschland aus erster Hand kennen zu lernen und für die Arbeit in Österreich fruchtbringende Kontakte zu knüpfen. Gleichzeitig boten die Messestände einen Einblick in die Angebote für wissenschaftliche und öffentliche Bibliotheken sowie in den gegenwärtigen Stand des Informations- und Wissensmanagements führender deutschsprachiger Bibliotheken und Firmen. Diese Entwicklungen und Angebote erweisen sich zunehmend auch für Schulbibliotheken als interessant.

Schulbibliotheken wohin?
Neue Herausforderungen und Modelle

Unter der Gesprächsleitung von Dr. Ronald Schneider (Stadtbibliothek Oberhausen) wurde nach einführenden Kurzreferaten die Situation der Schulbibliotheken in Deutschland zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach den für Deutschland ernüchternden Ergebnissen der PISA-Studie sehr angeregt diskutiert.
Die Bedeutung der Schulbibliothek für den Erwerb von Medienkompetenz und beim Wissensmanagement einerseits und ihre Rolle bei der sozial-kommunikativen Entwicklung (Sozial-kommunikative Komponenten der Schulbibliotheken StR Friedrich Klein, Gymnasium auf der Morgenröthe, Siegen) wurde theoretisch herausgearbeitet und mit Beispielen aus der Praxis dokumentiert (Der Lernort Schulbibliothek im schulischen Internetgeschehen, OStr Kurt Cron, Rabanus- Maurus-Gymnasium, Mainz).
Sowohl in ihren Kurzreferaten wie in der anschließenden Podiumsdiskussion betonten die Referenten die Bedeutung der Schulbibliothek für das Schulprofil und die Schulentwicklung. Dieser Anspruch steht in eklatantem Widerspruch zur tatsächlichen Situation der Schulbibliotheken in Deutschland - von Dr. Roland Schneider in seinem Eingangsstatement anschaulich formuliert:
"Den Ausbaustand und die Situation der Schulbibliotheken in Deutschland einen bildungspolitischen Skandal zu nennen, ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Situationsbewertung."
Als Schwachpunkte wurden festgehalten: Das Fehlen von konkreten didaktischen Konzeptionen, das Fehlen einer klaren institutionellen Zuordnung der Schulbibliotheken, das Fehlen einer wirksamen Interessensvertretung. Hinzu kommt die geringe Akzeptanz der Schulbibliothekar/innen bei den Lehrer/innen.
Für Kurt Cron, selbst Lehrer und Schulbibliothekar an einem Gymnasium und Verfechter des Konzepts einer multimedialen Schulbibliothek, sind das Fehlen einer modernen Internet-Didaktik und die Tatsache, dass der Frontalunterricht immer noch die am weitesten verbreitete Unterrichtsform ist, für diese geringe Akzeptanz mitverantwortlich:
"Der allgemein dominierende Frontalunterricht und die neuen Medien vertragen sich nicht."
Bei der Publikumsdiskussion wurden noch einmal die Zusammenarbeit Schule - Öffentliche Bibliothek thematisiert. Besonders eindrucksvoll war dabei das positive Beispiel einer Bibliothekarin, die sich als Dienstleister der von ihr betreuten Schulen versteht und durch ihre Teilnahme an Planungsgesprächen der Lehrer/innen als kompetente Mitarbeiterin anerkannt wird.
Frau MR Johanna Hladej (Bibliothekenservice des BMBUK Österreich) verwies darauf, dass sich Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken nicht als Konkurrenten gegenüber stehen müssen. Ganz im Gegenteil werden junge Menschen, die eine lebendige Schulbibliothek erlebt haben, zu kompetenten häufigen Nutzern Öffentlicher und Wissenschaftlicher Bibliotheken.

In seinem Resümee hielt Dr. Roland Schneider dann auch fest: neben der Ausarbeitung von Konzepten und einer besseren Institutionalisierung der
Schulbibliothek soll ein intensiver Dialog mit den Lehrer/innen geführt werden.

Rückschlüsse für Österreich:

Definition und Funktion der Schulbibliothek:
Die Schulbibliothek als Aufbewahrungsort für Bücher und andere Printmedien gehört in der Theorie und den praktischen Beispielen endgültig der Vergangenheit an. Leseförderung wird - wohl auch als Folge der PISA-Studie - umfassender aufgefasst. Hier erfolgen die Entwicklungen in Deutschland und Österreich parallel.

Rolle der Schulbibliothekar/innen
Das österreichische Modell des Lehrer-Bibliothekars erweist sich angesichts der Fülle an Problemen in Deutschland mit Schulbibliothekar/innen auf der einen und Lehrer/innen auf der anderen Seite als ganz besonders effizient.

Problemfelder
Mit der Einführung und Umsetzung des Modells der zentralen Schulbibliotheken an höheren Schulen unter Mitarbeit von Schülern hat Österreich zweifellos einen

Vorsprung gegenüber Deutschland.
Allerdings sind die Problemfelder - Skepsis der Lehrer/innen gegenüber Unterricht mit Neuen Medien, geringe Verbreitung offener Lernformen, Notwendigkeit von verbindlichen Standards - denen in Österreich durchaus vergleichbar. Aus diesem Grund wurde in den anschließen Gesprächen mit den Referenten eine Länder übergreifende Arbeitsgruppe angeregt, um Synergieeffekte zu erreichen.

FIRMENAUSSTELLUNG

Parallel zu dem Kongressprogramm präsentierten ca. 170 Firmen der Bibliotheks-, Buchhandels- und IT-Branche in der begleitenden Fachmesse ihre innovativen Produkte und Dienstleistungen;
Das Zielpublikum der Ausstellung waren vor allem die Vertreter wissenschaftlicher und großer öffentlicher Bibliotheken. Dennoch ist ein Teil des Angebots auch für multimediale Schulbibliotheken interessant. Im Folgenden werden vier Schwerpunkte herausgegriffen.

Bibliotheksportale
Den Angaben eines Firmenvertreters zufolge werden in den Bibliotheken Ressourcen heutzutage nur mehr zu etwa 50 % in den lokalen Beständen gesucht, 50% der Recherchen beziehen sich auf externe Angebote.
Das Problem der vielfältigen sowohl lokal wie im Internet verstreut vorhandenen Informationen unterschiedlichster Qualität sucht man durch die Schaffung von Bibliotheksportalen (virtuellen Bibliotheken, Fachinformationsverbünden etc.) zu lösen:

SISIS (Sisis Informationssysteme GmbH - http://www.sisis.de ) bietet mit seinem Bibliotheks-Management-System und dem Informationsportal SISIS-Elektra einen solchen Dienst an.
Welche Datenbanken in ein solches System eingebunden sind, bleibt dem Käufer überlassen. Auch für Schulbibliotheken eröffnen sich in diesem Zusammenhang also neue Möglichkeiten. Der Preis ist für Schulbibliotheken allerdings nicht erschwinglich. Kooperationen mit wissenschaftlichen oder öffentlichen Bibliotheken könnten in Zukunft aber sinnvoll sein.

Kostenpflichtiger Online-Content
Es ist realistischer Weise anzunehmen, dass qualitativ hochwertige Inhalte in Hinkunft verstärkt kostenpflichtig werden. Es sind daher die Angebote von Online- Content bereits jetzt zu überprüfen. Manche kommerzielle Unternehmen stellen sich bereits auf die Bedürfnisse und finanziellen Möglichkeiten von Schulbibliotheken ein.
Oxford University Press hat ein nach Institutionen und Ländern abgestuftes Preismodell entwickelt. Der Zugriff auf etwa 100 Wörterbücher kostet für Schulen derzeit 100 Pfund. Man kann das Angebot 2 Monate lang gratis ausprobieren. Weitere Informationen unter http://www.oxfordreference.com.

CD-ROM-Verwaltung
Praktisch jede CD-ROM soll von jedem Gerät in der Bibliothek, der Schule, ja sogar von zu Hause aus abrufbar sein. H+H verspricht die damit verbundenen technischen Probleme und Fragen der Lizensierung mit Virtual CD bzw. Citrix® MetaFrame™ zu lösen - und das gar nicht allzu teuer: eine Einzelplatz-Version (komprimiertes Kopieren von CD-ROMs und DVDs auf einen Rechner mit externem Zugriff) kostet €39, eine Netzversion für 25 Arbeitsplätze €408. Weitere Informationen unter http://www.hh-zfrk.com

Selbstverbuchung
Selbstverbuchungssysteme entlasten den Schulbibliothekar und erlauben eine intensivere pädagogische Betreuung von Lehrer/innen und Schüler/innen. Bisher praktisch nicht finanzierbar lässt die Preisentwicklung einen Einkauf solcher Systeme über das Ministerium für eine etwas fernere Zukunft aber bereits realistischer erscheinen.
Anbieter:

14. April 2002

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